St. Wendel: Keep on running

Wednesday, October 14, 2009 Das dreitägige Laufevent im saarländischen St. Wendel hatte einiges zu bieten, was den einen oder anderen Citymarathon deutlich in den Schatten stellt. Nur an den Teilnehmerzahlen hat es bei der Premierenveranstaltung noch gemangelt. Aber der Reihe nach.

Als wir am Freitag im idyllischen St. Wendel ankommen und unsere Startunterlagen abholen, deuten erste Absperrgitter und bunte Pfeile auf dem Kopfsteinpflaster auf das, was uns am Abend erwarten wird. Im Paket gibt es neben der Startnummer mit integriertem Chip für die Zeitmessung und einigen Kleinigkeiten auch noch ein schönes Funktionsshirt mit dem Eventlogo auf der Brust. Noch zeigt sich die Sonne am Himmel und sorgt für spätsommerliche Gefühle. Bis zum Start des City Night Prologs haben wir noch ein wenig Zeit und vertreten uns die Beine. Kurz vor 19:00 Uhr wird es dann ernst. Mittlerweile ist es dunkel, Start und Ziel von den Scheinwerfern beleuchtet. Um 19:01 werde ich auf die Strecke geschickt, direkt hinter den Kenianern, die die Gesamtwertung im Triple-Trail dominieren sollten. Im Abstand von 20 Sekunden werden die Läufer auf die Strecke geschickt. Die Strecke rund um den Dom ist mit Kerzen beleuchtet, dann geht es kreuz und quer durch die Innenstadt direkt auf eine Runde in den Botanischen Garten. Baumstämme, steile Böschungen, Heuballen, Wendeltreppen und Kopfsteinpflaster machen das Laufen schwer. Eine stimmungsvolle Kulisse mit wunderschöner Beleuchtung und akustische Begleitung durch eine Trommlergruppe leiten die Teilnehmer auf den 3,1 Kilometern. Trail-Lauf durch die Stadt, das Organisationsteam von Plan B und die Stadt St. Wendel haben keine Mühen gescheut, den Läufern möglichst viele Hindernisse in den Weg zu stellen. Am Ende im Ziel wartet willkommene Erfrischung, bei der reichhaltigen Pasta Party am Abend bewirtet der Bürgermeister seine Gäste mit Grillware, Nudeln und weiteren kulinarischen Höhepunkten. Schon beim Intro haben Gritt und ich Kraft gelassen, dabei liegen noch 48 Laufkilometer an den folgenden Tagen vor uns. Beim abendlichen Briefing wird Trailrunning pur versprochen.


Samstag:
Es wurde nicht zuviel versprochen. Der Spiemont-Trail über 30,1 Kilometer hat es in sich. Der Regen klopft an die Scheibe. Ein kurzer Blick durchs Fenster am Morgen zeigt Dauerregen. Dauerregen zum Frühstück, Dauerregen auf dem Weg zum Start. Wir verlassen 15 Minuten vor dem Start unsere Bleibe. Wir haben es zum Glück nicht weit. Auch bei der Crew herrscht trübe Stimmung, der Dauerregen sorgt für ein bescheidenes Teilnehmerfeld. Es sind eben fast nur die 100 Teilnehmer am Triple Trail, die Option auf den einzelnen Lauf hat bei dem miserablen Wetter kaum jemand aus den eigenen vier Wänden gelockt. Wie immer bei Plan B wird pünktlich gestartet. Wieder geht es erst einmal durch die Stadt, 1,5 Kilometer Asphalt, dann beginnt der Trail. Wie das Höhenprofil und die Streckenbeschreibung zeigen, ist es ein ständiges Auf und Ab. Breite Wege sind in der Minderzahl, wir überqueren schmale Bäche auf wackeligen und rutschigen Holzbrücken, laufen steile und verschlammte Abhänge hinauf, und genau so steil geht es wieder hinab. Die Strecke ist auch aufgrund der schlammigen und rutschigen Passagen noch anspruchsvoller als ohnehin schon. Für die ersten zehn Kilometer benötige ich 1:20 h. In Sachen Herzfrequenz schaue ich nicht auf den RS800CX, das will ich gar nicht wissen. Durch die ständigen Rhythmuswechsel ist ein Herzschlag im Takt unmöglich. Irgendwann tut sich vor uns mitten im Wald ein Nebelfeld auf. Meistenteils bin ich alleine unterwegs und habe höchstens Blickkontakt mit Mitstreitern, die weit vor mir laufen. Nach 20 Kilometer brennen die Oberschenkel, doch auch auf den letzten zehn Kilometern wird uns nichts geschenkt. Erst auf den letzten 1,5 Kilometern haben die Füße wieder Asphalt unter sich und der Rest des Körpers kann sich sicher sein, dass keine Überraschungen mehr auf ihn warten. Ziel erreicht in 3:27 h. Ich fühle mich, als wäre ich gerade einem verwunschenem Märchenwald entstiegen. Es reicht gerade für eine Hochgeschwindigkeitsdusche im Hotel und einen stolpernden Rückweg zum Ziel, da biegt Gritt auch schon auf die Zielgerade ein und bleibt mit 3:56 h unter einer magischen Vier-Stunden-Marke. Am Abend dann wieder Pasta Party mit reichhaltigem Buffet. Alle diejenigen, die sich von dem Regen abschrecken ließen, heute an den Start zu gehen, haben ein tolles Lauferlebnis verpasst. Denjenigen, die sich morgen wieder nicht aufraffen können, kann man nicht weiterhelfen. Die Orga war perfekt, die Streckenmarkierung vorbildlich und das auf einem sehr anspruchsvollen, aber wunderschönen Trail. So schön kann laufen sein.


Sonntag:
Fein wie Staub senkt sich der Niesel hinab auf die Meute am Start zum Bosenberg-Trail über 18,8 Kilometer. Der Boden ist trocken, die Luft feucht. Die Beine sind bleischwer und die Zeit bis zum Startschuss vergeht nur zäh. Vor dem Start zur letzten Etappe unseres Laufwochenendes in St. Wendel ist uns die Anstrengung der letzten zwei Läufe ins Gesicht geschrieben. Doch dann fällt der Startschuss und in die circa 200 Teilnehmer am Bosenberg-Trail kommt Bewegung. Vorneweg stürmen die Führenden in ihren Leader-Trikots, dann folgen die ambitonierten Läufer und fast am Schluss folgen wir. Vorsicht ist geboten: Die heutige Strecke ist zwar kürzer, allerdings mit fast 550 Höhenmetern nicht weniger anspruchsvoll als der gestrige Kurs. Die ersten drei Kilometer sind identisch. Da weiß man schon, wo der Fuß auf dem verschlammten Weg den besten Grip findet. Doch dann ist erst einmal nichts wie gestern, dafür noch einmal eine Spur schöner. Hexen, Feen und Gnome mögen das Treiben der Läuferschar im dichten Blätterwerk verfolgen, zu sehen sind sie für uns nicht. Dichter Nebel verstärkt den Zauber, der auch uns auf den nächsten Kilometern verfolgt. Kraftreserven müssen mobilisiert werden, um die steilen Anstiege zu bewältigen. Genau so steil geht es hinab, mal auf schmalen, grasbewachsenen Pfaden, mal quer durch dichte Wälder über gefallene Blätter und Äste. Ich lasse auch bergab große Vorsicht walten. Aus Angst vor Verletzungen reduziere ich das Tempo, lasse mich wieder überholen und manchmal stakse ich etwas unbeholfen über den Trail. Die steilen Stufen haben es mir sowohl hinauf als auch hinab angetan und so werde ich auf den schmalen, anspruchsvolleren Trails von den Hintermännern überholt, die ich hinauf wieder einhole. Insgesamt macht die Strecke noch mehr Spaß als gestern. Mir kommt sie nicht so anspruchsvoll vor, aber möglicherweise ist das lediglich dem Gewohnheitsaspekt zu verdanken. Möglicherweise hat auch die gestrige Massage bewirkt, dass die Beine mit zunehmenden Kilometern lockerer werden. Gut, nach hinten raus fehlt es dann wieder an der Tempohärte, aber so genieße ich die letzten Kilometer durchs Dickicht, bevor es wieder auf die Straße Richtung Ziel geht. 2:05 h benötige ich für das heutige Trailerlebnis. Im Ziel herrscht Partystimmung, natürlich insbesondere dem Kommentar von Sprecher Sven zu verdanken. Am Buffet gibt es eine ausreichende Auswahl an Getränken und Leckereien und nach Auffüllen des Flüssigkeitshaushalts will ich schnell unter die Dusche, um dann frisch gesäubert Gritt im Ziel begrüßen zu können. Doch die Zwischenzeiten von Gritt zeigen, dass sie auch gleich ins Ziel laufen müsste. Also friere ich noch zehn Minuten vor mich hin und da kommt sie auch schon auf die Zielgerade eingebogen und freut sich wie eine Schneekönigin, das Ziel in einer Zeit von 2:27 h erreicht zu haben. Und schon wieder ist alles vorbei. Fast, denn noch fehlt uns das Finisher-Shirt, das es bei der Akkreditierung gibt. Also gibt es eine schnelle heiße Dusche, ab zum Saalbau und schon streifen wir uns das verdiente Shirt über. Der Jahreszeit angepasst ein Langarmshirt, in dem man sich auch mal abends unter Menschen trauen kann. Oder für´s Büro, mit dem typischen Blick: Schaut mal, was ihr verpasst habt. Wir sind noch rechtzeitig ins Shirt gehüpft, um auf die Bühne zu hasten, auf der sich zum Abschiedsfoto alle Finisher versammelt haben. Erst dann vergnügen wir uns mit Pasta, Pommes und Grillgut vom Feinsten und Fachsimpeln über die Premiere einer Veranstaltung, die viel mehr Teilnehmer verdient hätte. Aber was noch auf sich warten ließ, wird vielleicht im nächsten Jahr ein Höhepunkt in vieler Läufer Laufkalender. Es lohnt sich. Am Nachmittag brechen wir zur Heimreise auf und denken noch lange an die Märchengestalten, die uns auf unseren Trails tatsächlich begleitet haben. Zumindest in unserer Phantasie.